Geert Vrielmann eröffnet den neu gewählten Kreistag

Hier seine Rede

21. Nov. 2021 –

Als ältestem Abgeordneten des neu gewählten Kreistags stand es Geert Vrielmann - GRÜNER Abgeordneter aus Uelsen - zu, die konstituierende Sitzung des Kreistags zu eröffnen und - bis zur Wahl eines neuen Kreistagsvorsitzenden - zu leiten. Er hat die Gelegenheit genutzt und einen lebenserfahrenen Blick auf die Nachkriegsentwicklung, vor allem der Landwirtschaft, hier in der Region zu werfen. Seine Rede zum Nachlesen:

Rede zur Eröffnung des Kreistags Grafschaft Bentheim 2021-2026, am 18.11.2021

Jetzt stehe ich hier als ältester Neuling...

Ich begrüße unseren Landrat Uwe Fietzek, die Kreistagsmitglieder - herzlichen Glückwunsch zur Wahl! -, die Vertreter der Kreisverwaltung, die Vertreter der Presse (und weitere Gäste?)

In meiner 73-jährigen Lebenszeit haben sich mein Heimatort Itterbeck und unsere Grafschaft so rasant verändert wie nie zuvor in der Geschichte. Ich bin alt genug, um davon als Zeitzeuge zu berichten. Vorweggenommenes Fazit:

Es war eine gute Zeit mit äußerem Frieden, aber...

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Hungerwintern in den deutschen Städten war der Leitgedanke der politisch Handelnden „Nie wieder!“  Manche waren überzeugt „Nie wieder Krieg! Nie wieder Nazis!“ Die meisten meinten „Nie wieder Hunger in Deutschland!“ Daraus entstand der Grüne Plan der Bundesregierung. (Ja, die Farbe Grün wird als Symbolfarbe immer gern genommen. Es gibt sogar echt-grün.)

Damals wurde jeder Flecken Ödland oder Unland, so nannte man die Flächen, die man für wertlos hielt, für die Lebensmittelproduktion urbar gemacht. Das so genannte Wirtschaftswunder, das Verschweigen der Greuel aus der NS-Zeit, das Wegwerfen der eigenen Muttersprache, ok uns Groafschupper Platt was niks mehr wert. Wäl wat woanen woll, muss hochdütsch proaten:

Geschichtsvergessenheit haftet uns an!

In den Grafschafter Schulen wurde Heimatkunde als Schulfach abgeschafft. Später führte man das Fach Wirtschaft ein, auf Kosten von Geschichte, Erdkunde, Naturkunde und Naturlehre.

Wer heute in die ehemaligen Bauerschaften der Nieder- und der Obergrafschaft fährt, wird empfangen von den Gebäuden der industrialisierten Land- und Viehwirtschaft. Davon haben wir Grafschafter wirtschaftlich profitiert, wir haben alle - mit wenigen Ausnahmen - mitgemacht. Konservative Werte, Beschützen und Bewahren, gerieten ins Hintertreffen.

Wachstum und Wohlstand hier und überall in der westlichen Welt.

Ich habe die Ottomeyer-Pflüge bestaunt, die Planierraupen, die mächtige Eichen reihenweise umschoben und in zuvor ausgebaggerten Gruben entsorgten. Das nannte man Kultivierung! Kultur auf dem Lande, oder was war gemeint?

Wie Flüsse und Bäche begradigt und verrohrt wurden, die tiefen künstlichen Gräben im ehemaligen Moor: „Das Wasser muss weg“! Niemand hat ernsthaft daran gerüttelt. Und die Molkereien, die die Milch von 10 Kühen nicht mehr abholen wollten, weil die Menge zu klein war. Immer größer werdende Landmaschinen trieben die Bäuerinnen draußen von der Feldarbeit in die Küche: Emanzipation der anderen Art. Körperliche Arbeit bekam immer weniger Wertschätzung.

In Itterbeck etablierte sich das Militär mit sicheren Arbeitsplätzen. Für manche war es eine Bauernauffangstation. Für Bauern, von denen sich manche für nicht tüchtig genug hielten, weil sie ihren Hof nicht halten konnten: „he geht noa de Wache“, hieß es dann.

Und jetzt? Spätestens seit dem Dürresommer 2018 ist allen Grafschaftern bewusst, dass etwas schiefgelaufen ist. Nicht nur bei uns, aber eben auch bei uns - wir haben die dritthöchste Viehdichte von allen 294 deutschen Landkreisen. Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie wir leben, und der Entstehung und Ausbreitung von Seuchen und Pandemien. Wegwerfmentalität und Überproduktion tun ihr Übriges.

Jetzt müssen wir die Kurve kriegen. Wir Mitglieder einer Gesellschaft, die sich nicht ohne Stolz eine Leistungsgesellschaft nannte, haben eine Mammutaufgabe.

Alle müssen den Fuß vom Gaspedal nehmen - wir auch!

Lasst uns im Grafschafter Kreistag im Angesicht der dramatischen Erderwärmung und des Artensterbens die richtigen Beschlüsse für die Zukunft fassen. Dafür ist keiner zu alt.

Ich eröffne die heutige Sitzung!

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